NS-Raubkunst oder Zwangsverkauf ?
Lücken in der Provenienz eines Gemäldes von Oskar Moll

Stillleben mit Türkenbund. Um 1917 
(Stillleben mit Krügen, Früchten und Blumen)

Stillleben mit Türkenbund. Um 1917
(Stillleben mit Krügen, Früchten und Blumen)
Öl auf Leinwand 80 x 70 cm
sign. u.l.: Oskar Moll
Verbleib unbekannt

In der Weimarer Republik existierten bedeutende jüdische Kunstsammlungen mit Werken vom Impressionismus zum Expressionismus, darunter nicht selten Arbeiten von Oskar Moll. Dazu zählte die Sammlung des Berliner Textilunternehmers Robert Graetz (1878–1945), dazu gehörten vor allem die Breslauer Kunstsammlungen des Maschinenbau-Unternehmers Leo Smoschewer (1875–1936) und des Rechtsanwaltes Ismar Littmann (1878–1934).

Auch in Dresden schickte sich ein kunstsinniger Sammler jüdischer Herkunft an, einen „Moll“ besitzen zu wollen. Es handelte sich um Julius Ferdinand Wollf (1871–1942), der ein erfahrener Journalist, Publizist und Zeitungsverleger war. Von 1903 bis 1933 wirkte er als Chefredakteur und Mitverleger der Tageszeitung „Dresdner Neueste Nachrichten“. Möglicherweise nutzte Wollf im Frühjahr 1920 die Gelegenheit, in Molls großer Einzelausstellung der Dresdner Galerie Ernst Arnold ein Werk zu erwerben. Als der Sächsische Kunstverein ab 11. April 1929 zu seiner Dritten Jubiläumsausstellung mit dem Titel „Neuere Kunstwerke aus Dresdner Privatbesitz“ einlud, hatte Wollf zu dieser Werkschau zumindest zwei Gemälde aus seiner Sammlung geliehen, von Jules Pascin „Im Atelier“ und von Oskar Moll ein nicht näher bezeichnetes „Stilleben“. Molls Arbeit wird in dem begleitenden Katalog zwar unter Nr. 504 mit technischen Daten geführt, allerdings ohne Abbildung. Erst mit Hilfe einer historischen Aufnahme dieser Ausstellung im Innenraum der Kunstakademie (Brühlsche Terrasse) gelang es, Molls Werk zweifelsfrei zu identifizieren. Sein „Stillleben mit Türkenbund“, so der heutige präzise Bildtitel, ist vom Betrachter aus gesehen in der Blickachse prominent rechts platziert neben dem großformatigen Gemälde „Der Sieger“ seines ehemaligen Lehrers Lovis Corinth.


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Bei diesem Blumenstillleben mit Krügen und Früchten handelt es sich um ein charakteristisches Werk aus Molls Berliner Zeit vor 1918. Er arrangiert es mit bekannten Alltagsgegenständen, die zum Inventar des Künstlerehepaares Moll gehören. Bis heute ist dieses Gemälde nur durch eine Schwarz-Weiß-Fotografie überliefert. Im Vergleich mit zeitgleichen Werken wird es eine lichte und kontrastreiche Farbigkeit besitzen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verlor Wollf seine hervorgehobene Stellung im Dresdner Zeitungsverlag und lebte seitdem „von der Wand in den Mund“. Er und seine Familie wurden in der NS-Zeit regelmäßig drangsaliert, ihr Haus mehrfach durchsucht und zum Teil verwüstet. Wollf, der weitgehend erblindete, nahm sich angesichts der drohenden Deportation am 27. Februar 1942 zusammen mit seiner Frau Johanna Sophie (geb. Gutmann) das Leben.

Was mit dem Gemälde von Moll geschah, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Hatte Wollf das Bild noch vor 1942 unter ökonomischen Zwang verkaufen müssen? Oder wurde die Inneneinrichtung des jüdischen Ehepaares nach seinem gemeinsamen Tod geplündert beziehungsweise zwangsversteigert?

Sicher ist, dass das Werk erst wieder sechzehn Jahre später auf dem Kunstmarkt auftaucht. Ende November 1958 bietet das Stuttgarter Kunstkabinett auf seiner 32. Auktion ein „Stillleben mit Krügen, Früchten und Blumen“ an, abgebildet im dazugehörigen Auktionskatalog unter der Nr. 689. Es ist zweifelsohne das „Stilleben“ aus der Sammlung Wollf.

Dieses Kunstkabinett wurde 1946 von Roman Norbert Ketterer (1911–2002) gegründet, der bis 1962 über drei Dutzend Versteigerungen mit Kunst der klassischen Moderne durchführte. Ketterer war damals einer der erfolgreichsten Auktionatoren der Zeit, der auch Werke versteigern ließ, die heute zum „NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgut“ gehören. Aus den Geschäftsunterlagen des Kunstkabinettes geht hervor, dass das betreffende Gemälde seinerzeit von der Kölner Galeristin Aenne Abels (1900–1975) eingeliefert wurde. Das Werk konnte jedoch nicht verkauft werden und ging somit wieder an die Einlieferin zurück.

Die Familie Abels war seit Anfang des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich im deutschen Kunsthandel tätig und konnte auch in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Geschäften nachgehen. Zusammen mit ihrem Bruder Hermann Abels (1892-1956) führte Aenne während des Zweiten Weltkriegs ihre Handelstätigkeit fort. Nach dem Krieg gingen die Geschwister dann getrennte Wege. Bis 1972 war Aenne Abels nun alleinverantwortlich für die Kölner „Kunst-Galerie alter und neuer Meister“.

Schließlich findet sich dieses besagte Gemälde 1975 unter der Nr. 116 in Salzmanns Werkmonografie über Oskar Moll, jetzt erstmals unter dem Titel „Stilleben mit Türkenbund“ und mit dem Eigentumsnachweis „Galerie Änne Abels, Köln“. Dabei hatte die Kunsthändlerin bereits Anfang 1972 ihre Kölner Galerie an den Galeristen Dr. Rainer Horstmann verkauft. Aenne Abels selbst starb am 29. Juni 1975 und mit ihr wohl die Kenntnis, wo das einst zur Sammlung Wollf gehörende „Stilleben“ verblieben ist.